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Vorsicht! Operation – Ferndiagnose im Internet

Die Kosten im Gesundheitssystem steigen stetig an und dennoch wird in Deutschland viel häufiger operiert als in vielen Nachbarländern. Nach Auffassung von Experten ist eine große Anzahl von Operationen, insbesondere in den Bereichen Bandscheibe, Schulter, Hand, Knie und Hüfte unnötig und Behandlungserfolge könnten ebenso gut oder sogar besser durch konservative Behandlungsmethoden wie Bewegungstraining oder Krankengymnastik erreicht werden.

Geleitet von dieser Erkenntnis hat eine Gruppe renommierter Ärzte unter der Regie des Heidelberger Kniespezialisten Prof. Dr. Pässler eine Initiative mit dem Namen „Vorsicht! Operation“ gegründet. Diese bietet ein Online-Portal an, auf dem Patienten eine kostenpflichtige Zweitmeinung von spezialisierten Ärzten bezüglich der Notwendigkeit einer Operation einholen können.

Bisher konnte Prof. Dr. Pässler 14 Spezialisten hierfür gewinnen. Es handelt sich häufig um frühere Chefärzte, die aus Altersgründen aus ihrer Chefarzttätigkeit ausgeschieden sind.

Eine Besonderheit ist dabei die Vorgehensweise der Experten. Die Zweitdiagnose erfolgt nämlich nicht im Wege einer persönlichen Begutachtung, sondern durch eine Ferndiagnose via Internet. Hierzu füllen die Patienten einen detaillierten Fragebogen aus und senden etwa vorhandene Röntgenbilder, Kernspinnaufnahmen und andere medizinische Befunde elektronisch ein. Weiterhin besteht z.B. die Möglichkeit in dem Internetportal konkrete Schmerzpunkte (beispielsweise im Knie) einzuzeichnen. Reichen die Informationen dem zuständigen Spezialisten nicht aus, so holt dieser weitere Erkundigungen bei dem Patienten ein.

Das zu erstellende Gutachten des Spezialisten über die Notwendigkeit der Operation soll spätestens innerhalb von zwei Wochen fertiggestellt sein. Dafür werden je nach Umfang der gutachterlichen Tätigkeit 200,00- 600,00 € berechnet.

Die Verhinderung unnötiger Operationen soll dem Patienten zum einen Schutz vor den teilweise erheblichen körperlichen Eingriffen bieten und zum anderen auch eine finanzielle Entlastung des Gesundheitssystems bewirken.

Nach Ansicht von Herrn Prof. Dr. Pässler liegt ein weiterer Vorteil darin, dass die Experten aufgrund ihrer langjährigen Chefarzttätigkeit ein Maximum an Erfahrung und darüber hinaus genügend Zeit hätten. Weiterhin seien sie nicht mehr an eine Klinik gebunden und damit unabhängig.[i]

Gegen die Neukonzeption einer Zweitdiagnose mittels eines Onlineportals regte sich schnell Widerstand, insbesondere vonseiten der ärztlichen Berufsverbände.

So hält der Vizepräsident des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie Dr. Andreas Gassen es für problematisch, dass die Zweitmeinung vor allem anhand technischer Unterlagen erstellt werde, ohne dass der Gutachter den Patienten persönlich gesehen habe. Zudem seien die Gebühren bedenklich. Ein Orthopäde könne etwa für die Erstellung einer Zweitmeinung bei einem Privatpatienten nur 21,00 € Honorar verlangen – bei einem gesetzlich Versicherten noch weniger.[ii]

Der Vorsitzende des Berufsverbandes niedergelassener Chirurgen Dr. Dieter Haack befürwortet grundsätzlich die effektive Einholung von Zweitmeinungen, vor allem wenn hierdurch eine stationäre Behandlung vermieden werden könne. Um zu entscheiden, welches Vorgehen das Richtige sei, müsse der Patient aber persönlich durch den Arzt untersucht werden. Eine Internetbefragung könne die persönliche Konsultation des Arztes nicht ersetzen.[iii]

Neben dieser Diskussion über die Möglichkeit des Entstehens eines vertrauensvollen Arzt-Patientenverhältnisses und einer seriösen und zutreffenden Diagnostik im Rahmen einer reinen Onlinebegutachtung stellt sich auch die Frage der berufsrechtlichen Zulässigkeit dieser Vorgehensweise.

Nach § 7 Abs. 3 der Berufsordnung der deutschen Ärztinnen und Ärzte (MBO-Ä) darf eine individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, weder ausschließlich brieflich noch in Zeitungen oder Zeitschriften noch ausschließlich über Kommunikationsmedien oder Computerkommunikationsnetzwerke durchgeführt werden.

Sinn und Zweck dieser Norm ist, dass sich der Arzt von dem Patienten ein unmittelbares Bild verschaffen soll, weil auch äußere Anzeichen und Verhaltensauffälligkeiten auf bestimmte Krankheiten hindeuten können. Weiterhin soll ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient geschaffen werden, das nicht nur auf verbaler Kommunikation beruht, und gleichzeitig ein medizinischer Standard festgelegt werden.[iv]

Das Internetportal der Initiative ist ein Computerkommunikationsnetzwerk im Sinne des § 7 Abs. 3 MBO- Ä, das der Erstellung eines medizinischen Gutachtens vorsieht. Dies geht über die bloße Erteilung medizinischer Informationen, die etwa Grundlage für eine Selbstmedikation sein könnten, hinaus und berührt daher den Kernbereich der ärztlichen Beratung, der einer Begutachtung ohne persönlichen Kontakt aufgrund des Patientenschutzes grundsätzlich entzogen sein soll.

Es ist äußerst fraglich, ob auch diese Form der Begutachtung von dem Verbot des § 7 Abs. 3 MBO-Ä umfasst sein soll. Es gilt zu beachten, dass auf dem Internetportal ärztliche Zweitmeinungen (auch „second opinion“ genannt) eingeholt werden. Es geht also gerade nicht um eine erstmalige Untersuchung des Patienten. Vielmehr soll ein ärztlicher Erstbefund erneut begutachtet werden, um mögliche Fehler zu korrigieren und Zweifel bezüglich Diagnose und Therapie auszuräumen.

Es werden demnach keine abschließenden Therapieentscheidungen ohne persönlichen Eindruck von dem Patienten getroffen. Vielmehr hatte der ursprünglich behandelnde Arzt bereits die Möglichkeit sich einen persönlichen Eindruck von dem Patienten zu verschaffen, auf dem seine Diagnose fußt. Aufbauend auf diesem Eindruck soll die Notwendigkeit einer Operation erneut begutachtet werden. Dabei hat der begutachtende Spezialist jederzeit die Möglichkeit sich bei dem Patienten rückzuversichern und weitere Informationen einzuholen. Abschließend kann das Gutachten durch den Patienten auch mit dem behandelnden Arzt erörtert und erst dann eine abschließende Entscheidung zur Therapie getroffen werden. Durch das Zweitgutachten wird der persönliche Arztkontakt also nicht ersetzt, sondern ergänzt. Es besteht kein abschließendes Behandlungs- oder Beratungsverhältnis.

Darüber hinaus räumt § 7 Abs.2 S.3 MBO-Ä sogar ausdrücklich die Möglichkeit zur Einholung einer Zweitmeinung auf den begründeten Wunsch des Patienten hin ein. Gerade im Rahmen einer anstehenden Operation wird aufgrund der Intensität des Eingriffs ein solcher Wunsch vonseiten des behandelnden Arztes nicht abzulehnen sein. Es stellt auch einen begründeten Patientenwunsch dar, diese Zweitmeinung von einem erfahrenen Spezialisten einholen zu wollen. Dies ist Ausdruck des freien Patientenwillens und Selbstbestimmungsrechts.

Für die Einholung einer Zweitmeinung kann zwar aufgrund der freien Arztwahl jederzeit ein anderer Mediziner konsultiert werden, hierfür sind jedoch nur sehr geringe Honorarsätze vorgesehen. Eine umfassende Begutachtung, die mehrere Stunden in Anspruch nimmt, wird dem Zweitgutachter somit nicht kostendeckend möglich sein. Auch hier wird sich die Zweitbegutachtung im Wesentlichen auf die Sichtung des vorhandenen Bild- und Befundmaterials beschränken.

Dennoch gilt es auch auf das Haftungsrisiko des begutachtenden Spezialisten des Internetportals hinzuweisen. Gibt er sich mit nur unzureichendem Informationsmaterial zufrieden und entsteht aufgrund der nicht erkannten Operationsnotwendigkeit dem Patienten ein Schaden, so wird der Arzt dem Risiko eines Haftungsprozesses ausgesetzt, in dem er für die Richtigkeit seiner Aussage einstehen muss.

Fazit

Die Einrichtung der Internetplattform zur Erstellung von Zweitgutachten ist berufsrechtlich nicht unproblematisch. Es erscheint allerdings nicht zielführend zwischen der Zweitbegutachtung via Internet und einer üblichen Zweitbegutachtung mithilfe berufsrechtlicher Vorschriften zu differenzieren. Sinn und Zweck des Berufsrechts und somit auch der Maßstab für eine hilfreiche Begutachtung muss das Wohl des Patienten und die Qualität des Gutachtens sein. Diese wird auch durch ein Spezialistengutachten, welches mittels einer Ferndiagnose erstellt wird, gesichert, zumal die Gutachter mehr Zeit investieren können und ihnen Rückfragen beim Patienten möglich sind. Der bisherige Zuspruch durch die Patienten und die Überlegung einiger Krankenkassen, die Kosten der Zweitbegutachtung zu übernehmen, deutet auf das Fehlen zufriedenstellender Alternativen hin.

Letztlich wird durch die Gründung der Initiative deutlich, dass es sinnvoll wäre, höhere Honorarsätze für eine Zweitbegutachtung durch Mediziner vorzusehen. Hierdurch könnte eine Alternative für die Begutachtung mittels eines Internetportals geschaffen werden. Denn die Einholung eines Zweitgutachtens zur Verhinderung unnötiger Operationen ist durchaus begrüßenswert. Neben dem Schutz des Patientenwohls könnte damit möglicherweise der Kostenfaktor „Operation“ im Gesundheitssystem gesenkt werden.

 

Autorin: Ref. iur. Laura Opreé

[i] Quelle: http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,780453,00.html

[ii] Quelle: http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/praxisfuehrung/article/666134/ vorsicht-operation-kritik.html.

[iii] Quelle: http://www.aerztezeitung.de/ praxis_wirtschaft/ praxisfuehrung/ article/ 666134/vorsicht-operation-kritik.html.

[iv] Scholz in Spickhoff, 350 § 7 Rn. 12.

Kanzlei

Autor: Kanzlei

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